Bevor ich nach Berlin kam, hatte ich die Stelle „Religion“ in meinem schwulen Dating-Profil immer ausgelassen. Es stand dann „Keine Angabe“ da. Und als ich in Berlin an kam, tat ich den Teufel, um da „katholisch“ einzutragen. Ich kam mir ja auch wie ein Freak vor, jedes Mal wenn ich sagte, ich sei katholisch.

Mit der Zeit entdeckte ich, dass katholisch sein, aber auch als Besonderheit wahrgenommen wird. So trug ich es irgendwann neben all den anderen belanglosen Charakterisierungen in mein Profil ein:

Profil

Und man könnte meinen, man schreibe jemanden an mit „Hey, du fährst auch Ski. Cool ich auch.“ oder „Du guckst gerne Filme. Lass uns mal einen Film gucken.“

Aber nein, ich erhielt folgende Nachricht:

Caholic

Nun ja, was soll ich da anworten: „You are cute too. Let’s go together in the confessional“?

Des nachts laufe ich also in Warschau alleine in einen Hinterhof. Der Tipp stammt aus dem Internet und sorgte dafür, dass ich in dieser Nacht einer Vielzahl nackter Männer begegnet bin.

„In den dritten Hinterhof und dann links.“ So die Anleitung aus dem Internet. Ein großes Schild gäbe es nicht, sondern nur eine Klingel. Ich schaute mir also sämtliche Eingänge noch mal genauer an und überprüfte so unauffällig wie möglich die Klingeln. In dem letzten Hinterhof fand ich nix. Also lief ich den Weg zurück. Diesmal anders als wie ich ihn gekommen war. Und fand in der Toreinfahrt eine unauffällige Stahltür. Auf dieser war aufgesprayt „fanTOM“. Das war zwar jetzt rechts, statt links, aber so ist das nun mit ungenauen Tipps. Ich drückte auf die Klingel, die in einem Wasserspritzschutz steckte. Es summte und ich sah eine Treppe, die in die Tiefe führte.

Am Ende der Treppe bog man nach links ab. Dann sah ich ein eckiges Loch in der Wand – die Reception –und rechts davon Männer – bekleidet NUR mit Handtüchern. Nicht ganz das, was ich erwartet hatte! Der Mann an der Reception brudelte was auf polnisch, schob ein Handtuch und einen Schlüssel durch das Loch. Den Schildern entnahm ich den Preis: 25 Zloty – also nur ca. 6 Euro. Da sagte ich mir: „Was soll’s. Gönnen wir uns eine neue Erfahrung.“ Ich bezahlte und stürzte mich ins Getümmel.

Berührungsängstlich – falls es dieses Wort gibt – ging ich in die Umkleide und fand raus zu welchem Spint mein Schlüssel passte. Angepasst an die Anderen entledigte ich mich aller Klamotten, warf diese in meinen Spint und legte sofort das Handtuch an. Orientierungslos begab ich mich in das Labyrinth dieser Kellerkatakomben. Ich fand eine Sauna, ein Dampfbad, ein Jacuzzi und viele dunkle Räume.

Einige Männer standen im Flur und beobachteten, was das „Buffet“ so hergab. In der Sauna war ich allein. Als ein alter Mann dazu kam, verließ ich die Sauna schnell. Das gleiche Spiel im Dampfbad. In den Jacuzzi ging ich erst gar nicht. Auf das Hygieneabenteur ließ ich mich lieber nicht ein. Ergo: die Entspannung für einen gemütlichen Wellnessabend machte sich bei mir nicht wirklich breit.

Zwischen all den „Fantomem“ entdeckte ich jedoch einen dunkelhaarigen, dreitagebärtigen, großgewachsenen, muskulösen, sexy Mann. Diesen verfolgte ich. Bis in die unergründliche Tiefe des Dark Rooms und sammelte dort einige Erkenntnisse. Erste Erkenntnis: es ist dort sehr dunkel. Zweite Erkenntnis: die Typen kommen einem enorm Nahe und betatschen dich überall. (Und falls das inzwischen vergessen wurde: ich hatte nur ein Handtuch an.) Ich flüchtete aus dem Dunklen. Zuvor machte ich eine Beobachtung: der Dark Room war durch ein Gefängnisgitter durchtrennt. Auf die andere Seite zu kommen war nicht möglich, trotzdem befanden sich dort Leute. Und ich war sogar der Meinung, dass diese angezogen waren.

Irgendwann ging der sexy Mann dann nach Hause und ich beschloß dem gleich zu tun. Ich duschte, zog mich um und gab den Schlüssel an der Reception ab. Der Receptionist fragte mich, ob ich noch in die Bar wolle. Da dämmerte es mir. Der Club war zweigeteilt: eine Sauna und eine Disco. Und ich ging einfach auf der falschen Seite hinein. Natürlich wollte ich in die Disco. Da wollte ich ja hin. Er führte mich zu einer abgeschlossene Tür, schloss sie mir auf und entließ mich in den richtigen Club. Dort gab es Musik, Drinks und Kleidung. (Natürlich gab es dort auch Dark Rooms und Sex.) War ein langer Weg, aber am Ende hatte ich es in den richtigen Fantom-Klub geschafft.  Das war also Warschau von hinten.

Nachdem ich gestern also noch die A-Sexualität thematisiert habe, muss ich heute auch gleich einen Ausgleich dazu schaffen.

Wer schon immer die Bandmitglieder von Rammstein beim Sex beobachten wollte, hat Glück! Das neue Rammstein-Video ist ein Porno und wird exklusiv über das Amateur (Sex) Videochat-Portal VISIT-X im Netz gezeigt.

Wer über 18 Jahre alt ist, möge auf folgenden Link gehen:
http://www.visit-x.net/rammstein/

P.S.: Die Hardcore-Szenen kommen am Ende des Videos!

Wer glaubt in Berlin alle Spielarten von Sex zu finden hat definitiv recht. Und er findet dort sogar genau das Gegenteil: Die Sexlosigkeit, oder die A-Sexualität. Mehr darüber in dem Flyer:

Flyer Vorderseite

Flyer Rückseite

Ironischerweise fand ich den Flyer jedoch in einer homosexuellen Bar. Wieso da? Wer da hingeht scheint ja wohl irgendwas-sexuell zu sein. Wo ist nun aber der richtige Ort für solche Flyer? An welchem Ort hält sich die Zielgruppe – der typische A-Sexuelle – auf? Aber vielleicht habt ihr ja eine Idee?

Der beste Club der Welt. Mysteriös, sagenumwoben, in aller Munde – kein bisschen bescheidener wird das Berghain umschrieben. Jeder will  schon mal gehört haben, dass man dort auf der Tanzfläche Sex hat.

Vor 16 Monaten habe ich davon zum ersten Mal gehört. Seit 15 Monaten  wohne ich in Berlin. Seit 14 Monaten ist eine unglaubliche  Anziehungskraft von diesem Club ausgegangen. Ich sammelte alle  Geschichten darüber in meinen Kopf und es entstand ein Mosaik mithilfe  meiner Vorstellungskraft. Den ausufernden  Hype, der Journalisten,  die über das Berghain eine Sage nach der anderen in die Welt setzten,  wollte ich selbst erleben. So fanden ich mich also mit zwei anderen Jungs zusammen und brachen auf in das „Partykloster“ (Spiegel).

Das Reinkommen

Das erzählt jeder und steht überall geschrieben: reinkommen tut nicht  jeder; reinkommen tut man nicht immer. Wir – drei Jungs,  eingeschüchtert von dem erhabenen Industriepalast, der sich vor uns aufbäumte- waren an der Reihe. Wie kleine dumme Jungs schauten wir die Türsteher an. Der erste schüttelte einfach nur den Kopf. Unsere Herzen rasten. Natürlich können wir bei Verweigerung  des Eintritts einfach woanders hingehen – aber die Inszenierung der  Begehrlichkeit ist es ja, die es so reizvoll macht. Der Cheftürsteher – der legendäre Sven – wurde gefragt. Der Bulle mit den langen  Haaren, den Piercings und den Tattoos im Gesicht, gönnte uns ein Blick.  Und nickte. Wir waren drin.

Die Musik
Von „menschenverachtender Lautstärke“ wurde im Spiegel gesprochen. Da
gibt es keine Widerrede. Nach nur zwei Minuten auf der großen  Tanzfläche – der eigentlichen Berghain-Tanzfläche – wusste ich, hier  halte ich es nicht lange aus. Meiner Begleitung zuliebe, blieb ich  aber noch und trotzte den Bässen, die mir durch Mark und Bein gingen oder wie ein Dolch von hinten durch die Brust stießen. Nach einer  halben Stunde haben mich die Technobausteine erschlagen und ich war  wie von Electro-Werkzeugen zerlegt. Ich zog mich zurück und wiederholte mehrmals: lasst mich einfach in Ruhe.

Der Sex

Abgesondert von meiner Begleitung, ließ ich mir viel Wasser  einfließen und schaute mich um. Das Publikum war erstaunlich gemischt.  Und dann auch wieder nicht. Heteroboys klammerten sich an ihre Tussen. Auf der Tanzfläche gab es den Corner, der oben ohne tanzenden schwulen Männer. Transen gab es kaum. Die Männer waren männlicher – angepasst, inspiriert oder dazu befördert vom zerfallenen Industriedesign und der Rohheit der Umgebung. Einer davon sah mich an. Ich sah zurück. Es dauerte keine fünf Minuten, da war klar,  was passieren muss. Von der Tanzfläche lockte er mich weg – mit nur einer  klaren Berührung. Ich folgte. Es ging nicht in einer der berüchtigten Darkrooms, sondern zu den Klos. Davor erfuhr ich noch seinen Namen (Alberto) , seine Herkunft (Spanien) und den Grund seines Berlinbesuchs – das  U2-Konzert. Der Satz „I came here to see U2.“ ließ mich einen Moment an ein romantische Einleitung zum Sex glauben: „Ich bin hergekommen um auch dich zu sehen.“ Wir verschwanden in der nächsten freien Kabine.

Chill-out
Ich stieß dann wieder zurück zu den anderen in die Panoramabar nach oben. Die Musik dort ist weniger aggressiv und die Stimmung chilliger.  Konnte es daher dort noch eine Weile aushalten. Viel zu früh – 7 Uhr -  war ich dann doch schon am Ende und hatte Schlaf- und  Erholungsbedürfnisse. Einer von uns drei blieb noch bis elf Uhr morgens. Das ist so die übliche Zeit zu gehen. Dann darfste gesagt haben – in Berlin hab ich so richtig gefeiert.

Ich verbrachte diesen Sommer eine Woche in Rumänien. Dabei besuchte ich auch die transsylvanische Stadt Brasov. Um mich über Ausflüge rund um Brasov zu informieren, stapfte ich in das Tourist Office und nahm mir dort – so wie für mich üblich – sämtliche Flyer und Prospekte mit, die mich interessieren könnten. Dabei fiel mir auch der „BRASOV in your pocket“- Stadtführer in die Hände. Für jeden zugänglich und kostenlos zu haben.

Darin fand ich einen Stadtplan und eine Auflistung sämtlicher Restaurants, Cafés, Kneipen und Hotels. Außerdem einen sogenannten Vice Advice den ich hier nun als Fundstück allen zeigen will. Der Vice Advice entpuppt sich nämlich als Ratgeber zum Sexualtourismus in Brasov. Zudem ist er herrlich geschrieben. Viel Spaß beim Lesen.

Brasov_in_your_Pocket_Titel

Brasov_in_your_Pocket_Vice_Advice

Die Welt tippt sich die Finger wund, denn wir sind ja immer „onliner“ (Steigerung von „online“). Es gibt Online gar keine Gefühlskälte und Entfremdung. Sie wird dokumentiert durch unser tippen und legt offen wie banal wird och funktionieren. Durch die Technisierung werden unere Gefühle minimalisiert, was schon geradezu eine Kunstform werden könnte. Folgender Chat-Verlauf als Beispiel:

Und was ist mit uns??
Hast du Lust, dass wir uns mal wieder sehen?
ja habe ich     du ?
Ja
ist für dich mehr im spiel ?
Was meinste?
hmm gefühle und so ? ; )
Hmm, weiß ich nicht, ob ich das bereits beantworten kann.
Zuvor haben diese beiden Chatter nie über Gefühle gesprochen, sondern einfach nur Sex gehabt. Und da keinen schlechten – wie ich meine. Aber ist das die Art der neuen Gefühlsgeständnisses? Zumal hier ja noch kein Geständnis stattgefunden hat. Aber einfach mal drüber reden? Ist das eine Erleichterung, die uns die schöne Online-Welt bringt? Fällt es uns einfacher per Chat so was zu fragen?
Die Antwort darauf mag „Ja“ sein, aber der Wirbel der Bauchgefühle, das Pochen des Herzens und das Stottern der Stimme mag das alles nicht ersetzen. Auch wenn wir jetzt weniger riskieren – vielleicht noch eine Sehnenscheidenentzündung durch das Tippen.

Das zweisame Glück sei mir nicht vergönnt. Entweder ist die Zweisamkeit einfach nur unglücklich, oder ich bin unglücklich weil eine bestimmte Zweisamkeit erst gar nicht zustande kommt. Das ungehaltene Glück der beidseitig erwiderten Zuneigung war mir – zumindest gefühlt – bislang nur ein Tag meines Lebens zugestanden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Heute wälze ich mich in Selbstmitleid und glaube, dass ich damit die Welt rette – oder so ähnlich. Leider entdeckt man mit der Zeit immer wieder ungünstige Verhaltensmuster an sich. Meine Top-Disziplin ist da wohl das Leiden im Stillen. Ich brauche niemanden sagen, was ich für ihn empfinde. Ich behalte es einfach für mich. Diese Verantwortung kann ich allein tragen. Niemals jemanden damit auf den Keks gehen. Bloß keine Schwäche zeigen.

Im Keim erstickte Liebe könnte man das nennen: unerreicht, aber auch nie erkämpft. Zartbittere Martyrien also mit denen ich das Wohlbefinden aller Menschen, die ich begehre nicht im geringsten tangiere. Mich dafür nur im wohlig-warmen Gefühl meiner Tränen der Einsamkeit ergebe und der Weg der Anderen ins Glück nicht verbaue, im treuen Glauben, dass das was ich empfinde ein untergeordnetes Dasein fristet. Und jetzt eine Tafel wohlverdiente (zartbittere) Schokolade nach dem anstregenden Arbeitstag meines Herzens auf dem Acker des Niemandslandes.

Auf meinen Forschungsexpeditionen ins Gefühlsreich machte ich eine Entdeckung. Ich klassifiziere sie unter dem Namen die „Was man hat, hat man“-Beziehung.

Es geht dabei um die träge und routinierte Entwicklung, die eine Beziehung nach der Schaffensphase nimmt. Es läuft und läuft. Man weiß schon nicht mehr genau warum. Als externer Beobachter fragt man sich dann schon, was das eigentlich soll.

Die Befragung der Betroffenen nach dem Ende einer solchen, ergab folgendes:

Der Tenor der Trauer war doch wenig und am meisten wurde die Routine vermisst. Es war eh nur noch so vor sich hingelebt. Aber schließlich galt: was man hat, hat man. Und nur deshalb war man noch zusammen.

Soviel zu unglücklichen Beziehungen. Und allen traurigen Singles sei gesagt, das Leid anderer kann ein Trost sein.

An allen Fronten kämpften dieses Wochenende in Berlin Homos und Transen für Ihr Recht. Der Christopher-Street-Day (CSD) wurde gefeiert. Und zwar zum vierzigsten Mal. In Berlin gab es dazu auch gleich zwei Demos. Eine für den Mainstream in Berlin Mitte und Schöneberg. Der andere quasi für die Außenseiter der Außenseiter in Friedrichshain und Kreuzberg.

Letztes Jahr begab ich mich zur großen, offiziellen Parade am Potsdamer Platz und war  etwas enttäuscht. Das Farbenspiel und das laute Wummen der Musik war mir weitläufig bekannt – schon vor zehn Jahren auf meinem ersten CSD in Mannheim sah das so aus. Ebenso der politische Teil verbarg sich mir im großen und ganzen. Das Verteilen der Kondome war in sofern noch das sinnvollste.

Dieses Jahr war der alternative CSD dran. Die offizielle Bezeichnung lautete „Transgenialer CSD Berlin„. Das Motto war: „Toleranz? Nein Danke! Glitter ohne Grenzen“ Das ist erstmal erklärungsbedürftig. Dort gibt sich niemand damit zufrieden nur toleriert zu werden. Alle sollen akzeptiert werden. Heteronormatives Verhalten soll abgeschafft werden.

Dementsprechend sah das Publikum dort auch aus. Zwischen Frau und Mann ließ sich so oft nicht genau unterscheiden. Frauen mit echten (!) Bärten, Männer in Frauenkleider, pre-/post-operative Transsexuelle und wahrscheinlich sogar Zwitter/Hermaphroditen versammelten sich am Heinrichplatz in Kreuzberg und sprachen sich aus für ihre Rechte aus. Ihr Recht, nicht auf ein Geschlecht festgelegt werden zu müssen.

Zugegebenermaßen wirkt das alles irrwitzig. Die Abschaffung von Männlein und Weiblein wird wohl keiner so recht glauben. Das ist dann wohl schon die etwas befremdlich wirkende „next next generation“ des CSDs. Die Zeit wird zeigen, ob es sich hier um reine Utopie oder um ein avantgardistischen Anliegen handelt.

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